Reiseführerauswahl
Schlauer Begleiter im Gepäck
Dick oder dünn, leicht oder schwer, mit Fotos oder ohne ? wer den richtigen Reiseführer für seinen Urlaub sucht, steht oft vor der Qual der Wahl: Über 5000 Titel geben mehr oder weniger geheime Tipps für fast jeden Winkel der Welt. Worauf sollte der Unentschlossene beim Kauf eines Reiseführers achten?
Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten: Zu unterschiedlich sind die Ansprüche, die Reisende an ihren papiernen Begleiter stellen. Die einen bevorzugen ein Lesebuch für den Strand, andere einen historischen Studienführer für die Toskana. Daher stellt sich zunächst einmal die grundsätzliche Frage: Steht ein Kurztrip in eine Stadt oder ein längerer Aufenthalt in einem fremden Land auf dem Programm? Für den Städtetrip ist ein ausführliches Werk über Kultur, Geschichte und Gesellschaft des ganzen Landes sicherlich interessant ? für den Gebrauch vor Ort ist er hingegen denkbar unpraktisch: Das tatsächliche Ziel wird nur auf wenigen Seiten des Reiseführers beschrieben ? dafür muss der Tourist den Schinken den ganzen Tag durch die pralle Sonne schleppen. Ein handlicher Stadtführer, der in die Jackentasche passt und eventuell sogar einen übersichtlichen Stadtplan enthält, leistet weitaus bessere Dienste.
Oder geht es für drei Wochen mit dem Rucksack nach Thailand? Wer auf eigene Faust durch ein Land reist, sollte unbedingt einen Blick ins Impressum des Reiseführers werfen und feststellen, wann das Werk gedruckt oder überarbeitet und neu aufgelegt wurde. Alles, was älter als zwei Jahre ist, lohnt keine Anschaffung: Adressen und Telefonnummern von Unterkünften sind unter Umständen veraltet, Fahrpläne nicht mehr gültig, Restaurants mittlerweile geschlossen. Gute und aktuelle Straßenkarten der einzelnen Städte sowie Übersichtskarten sind ein großes Plus, um sich auf einen Blick über seinen eigenen Standort und die weitere Route zu informieren ? alte Karten sorgen nur Verwirrung.
Vor allem bei längeren Reisen heißt es, Gewicht zu reduzieren, denn jedes Gramm im Rucksack zählt. Aber um einen ausführlich Reiseführer wird der Globetrotter nicht herumgekommen. Schließlich will er vor Ort nicht erst lange nach einer günstigen Jugendherberge, den schönsten Sehenswürdigkeiten oder einer angesagten Disco suchen. Ein gebundener Reisebegleiter sollte genügen ? auch wenn im zweiten vielleicht doch noch die eine oder andere Extra-Information zu finden ist. Im Zweifelsfall können besonders interessante Einzelseiten ja aus Reiseführern von Freunden oder aus einem Bibliotheksexemplar kopiert werden. Auch die Verarbeitung des Reiseführers sollte man sich genauer anschauen: Handelt es sich um eine robuste Fadenheftung, oder fallen nach einem Tag am Strand aus dem Buch schon die ersten Seiten heraus?
Ob ein Reiseführer Fotos haben sollte oder nicht, ist letztlich Geschmackssache. Die Qualität der meisten Bilder in Reiseführern ? gleich ob farbig oder schwarz-weiß ? ist sowieso meist mehr schlecht als recht. Ein guter Bildband befriedigt die Lust aufs fremde Land mit Sicherheit besser ? und kann auch nach der Reise noch einmal die Erinnerungen auffrischen.
Zwar ziehen drei Viertel aller Reisenden ohne jegliche Landeslektüre im Gepäck los ? gut vorbereitet und mit einem passenden Reiseführer würden sie jedoch auf jeden Fall bewusster reisen. Ohne das schlaue Buch wird ihnen sicherlich vieles im fremden Land spanisch vorkommen und die eine oder andere interessante Sehenswürdigkeit wird ihnen entgehen. "Man sieht nur, was man kennt", sagte schon Johann Wolfgang von Goethe, der mithilfe von griechischen und römischen Schriften ins damals noch ferne Italien reiste ? 50 Jahre bevor Karl Baedeker 1835 den ersten Reiseführer erfand.
Autor: Sabine Olschner
