Ursprüngliches Italien
Durch das ursprüngliche Italien an der Stielfelspitze
Traumhafte Strände brodelnde Städte und verwinkelte Bergstrecken, viele behaupten dass die schönsten Landschaften Italiens erst südlich von Rom beginnen. Ein Motorradtrip bis zur Stiefelspitze Süditaliens entpuppt sich auf jeden Fall als erlebnisreiche mehrtägige Entdeckungsreise.
»La profumo del mare!« singt Costantino aus vollem Hals. Gerade so als wolle er eine Meersbriese Salzluft in das südöstlich von Rom gelegene Fiuggi locken. Costantino ist blendend aufgelegt und neben den vielen ?Ciao Ragazzi? und ?Come stai?? ist im stockenden Verkehr des pulsierenden Fiuggi kaum zwischen Winken und Blinken zu unterscheiden. Ausgangspunkt einer Moterradtour durch die Abruzzen in Süditalien.
Vorbei an goldgelben Feldern und durch die hohe Maielle geht es hinunter durch duftenden Ginster in das schöne Pacentro bei Sulmona. Allerdings kann man sich bei diesem Gekurve mächtig in der Zeit verschätzen.
Durch die Tavoliere zum Gargano
Allmählich schwinden die Abruzzen die Ebene von Foggia breitet sich aus. Mit dem Motorrad geht es nun Richtung Lucera das mit seinen dicken Mauern weithin sichtbar auf einem Plateau thront. Das Zentrum wirkt jedoch wie ausgestorben. Nur ein paar Kinder spielen Fußball. Der Weg zum Gargano dem Sporn Italiens führt durch die endlos scheinende Agrarlandschaft der Tavoliere. Irgendwann erhebt sich ein weißer Tafelberg am Horizont der trotz hoher Geschwindigkeit nur langsam größer wird. Eine wunderbare Serpentinenstraße schlängelt sich den klippenartigen Hang hinauf führt zu einer kleinen Kirche bei Rignano Garganico. Die Menge an Heiligenbildern des Padre Pio dem vermeintlichen Wunderheiler vom Gargano ist auffallend. Seit seiner Heiligsprechung vor drei Jahren macht er Franz von Assisi in Sachen Popularität mächtig Konkurrenz. In diesem Teil Italiens findet sich kein Dorf ohne Padre-Pio-Statue kein Souvenirladen ohne Schlüsselanhänger und kein Ape-Dreirad ohne Abziehbild mit dem Konterfei des heiligen Padre. Und Pilger strömen seinetwegen in Scharen hierher. Nahe liegen auch die zahlreichen Buchten der Gargano-Halbinsel. Endlich mal einen Tag im Sand statt im Sattel.
Das heißblütige Leben des Südens
Von Manfredonia führt die Straße an einer ausgedehnten Saline vorbei. Es folgt die Tomatenstadt Zapponeta und dann eine Weile auf Kurs Süd bis es bei Barletta wieder ins Landesinnere geht. Prompt stecken wir am Abend im molligwarmen Verkehrsgewühl von Andria fest. Obwohl schon nach 22 Uhr brechen wir in die Berge auf gelangen gegen Mitternacht zum mysteriösen Castel del Monte einem mächtigen achteckigen Bauwerk das Friedrich II. vor rund 700 Jahren errichten ließ. Noch heute wird über Sinn und Zweck dieses Gebäudes gerätselt das umringt von Pinien weithin sichtbar einen nahezu perfekt geformten Hügel krönt.
Kommen hier die Schlümpfe her? Am nächsten Tag geht es Richtung Alberobello und bereits weit vor dem Ort tauchen in der prärieartigen sonnendurchglühten Landschaft die ersten Trullihäuser auf. Mit ihren runden aus Steinen geschichteten Dächern erinnern diese Gebäude ein wenig an die Behausungen der Schlümpfe. Ihre einstigen Bewohner wählten diese Bauform dagegen aus rein finanziellen Erwägungen: Sobald ein Steuereintreiber auftauchte genügte es den Firststein zu ziehen um das ohne Mörtel errichtete Gebilde stürzte in sich zusammen ? kein Haus keine Abgaben an den Staat. Nach dem Abzug der Staatsdiener wurden die Hütten dann sofort wieder aufgebaut.
Jesus kam nur bis Eboli
In den ersten Hügeln der Region Basilicata kühlt zumindest der Fahrtwind ein wenig. Stopover in Matera Höhlenstadt den Sassi und in einem Rutsch bis Rotonda das fast schon am Thyrrenischen Meer der Westküste des Stiefelabsatzes liegt. "Wenn ihr wissen wollt warum ich zurückgekehrt bin geht einfach hinaus auf die Piazza dann merkt ihr schnell was mir in Deutschland so gefehlt hat." Federico spricht im Mainzer Dialekt. Das ganze Dorf scheint hier zu flanieren die Alten spielen Karten und eine Gruppe Motociclisti erstürmt plötzlich lautstark die Piazza lässt die Motoren aufheulen was niemanden zu stören scheint und genießt ausgiebig das Bad in der Menge.
Einige Kilometer weiter entlang der steilen Hänge der Laoschlucht dann ist das Meer erreicht. Der Küstenabschnitt Basilicatas ist gerade einmal 30 Kilometer lang doch um diese hervorragende Panoramastrecke wird diese Provinz von den angrenzenden garantiert beneidet. Steilküste und traumhafte Badebuchten mit dunklem Sand wechseln einander ab. Die Straße führt zumeist 100 Meter über dem Meer entlang zirkelt kühn um bizarre Felsvorsprünge. Der kalabresischen Küstenstraße folgend geht es inzwischen schon der Stiefelspitze entgegen. Abkühlung dringend! Im tiefsten Süden herrschen inzwischen über 40 Grad der Ventilator der KTM läuft permanent und die glühende Abwärme röstet das rechte Bein. Ein schattiges Café am Stadtrand von Reggio di Calabria: Ein alter Mann bewacht die alte herrlich verzierte Kasse und die Espressomaschine verbreitet einen extrem leckeren Duft der gleich noch Lust auf das verlockend ausgebreitete Gebäck macht.
Sizilien nur ein Tagtraum
Für acht Euro hatte uns die Fähre nach Messina auf Sizilien gebracht. Über die wunderschön angelegte SS 113 ging?s durch Pinienwälder und vorbei an blühenden Ginsterbüschen in Richtung des Ätna. Traumhafte Aussichten auf Messina und die gegenüberliegende Stiefelspitze taten sich auf. Die Strecke hinauf zum Ätna den Mongibello wie die Einheimischen diesen noch immer äußerst aktiven Vulkan nennen setzte noch einen drauf. Nach dem letzten Ausbruch vor drei Jahren wurde sie neu durch die erstarrten Lavafelder trassiert wobei ein fantastischer Serpentinenkurs mit griffigem Asphalt entstanden ist der bis auf eine Höhe von 1800 Meter führt.
Im Florida Italiens
Der Weg führt entlang des Ionischen Meeres. Berlusconis Träume von einer Touristenhochburg im äußersten Kalabrien haben sich glücklicherweise nicht erfüllt ? sonst wären die endlos schönen Strände sicher so zugebaut und überlaufen wie an der nördlichen Adria. So haben wir diese Juwelen und die dahinter aufragende raue zerklüftete Gebirgslandschaft des Aspromonte praktisch für uns allein.
Bei Bova Marina geht es nordwärts ins Landesinnere um von oben einen Blick auf die äußerste Stiefelspitze werfen zu können. Ein wenig unheimlich ist die Strecke schon. Mehr als einmal wurde vor einem Abstecher in diesen entlegenen Winkel Italiens gewarnt: Hier würden sich ausschließlich Banditen und düsteres Gesindel herumtreiben. Doch die Straße vertreibt sofort alle Sorgen: kein Gegenverkehr ein wild zerklüftetes Gebirge und weite Blicke über das Meer.
Die Sache mit dem Gegenverkehr klärt sich allerdings schnell auf: Seit einigen Kilometern weisen Schilder darauf hin dass diese Strecke demnächst unterbrochen sein wird. Das Teerband mutiert stellenweise zu einem Pfad und auf einmal geht es durch eine dünne Wolkenschicht steil bergab. Ein verlassenes Dorf taucht auf dann gehört die Aufmerksamkeit wieder komplett der Piste die im Nirgendwo zu verschwinden scheint. Seit über einer Stunde keinen Menschen mehr gesehen.
Plötzlich ist in einiger Entfernung ein weiteres Dorf auszumachen. Düster und ohne jegliche Lebenszeichen klebt es am Hang. Ausgebrannte oder illegal entsorgte Autowracks säumen die Straße. Dann versperren Betonklötze aus irgendeinem unerfindlichen Grund den Weg. Wir zwängen unsere schwer belandenes Motorrad hindurch bloß weiter. Im allerletzten Abendlicht erreichen wir schließlich das ärmliche Roccaforte del Greco.
Die Küstenstraßen: ein Motorradtraum!
Tags darauf steht endgültig die Rückfahrt an. Über das Badeparadies Tropea und entlang der herrlichen Costa dei Cedri bis zur Amalfiküste der schönsten Küstenstraße der Welt-- wie die Einheimischen stolz sagen. Noch einmal locken geschätzte 1000 Kurven hoch über der blauen See kurz darauf der Overkill in Sachen Verkehr: Neapel. Und eine seit Wochen streikende Müllabfuhr... Bis zum Vesuv der hinter der zum Sterben schönen Stadt aufragt hat der Wind bereits Papier und Plastikmüll geweht. In den Vororten greifen Anwohner inzwischen zur Selbsthilfe und fackeln die Halden ab ? irgendwie muss das Leben weitergehen.
Bis Sperlonga rollen wir an der Küste entlang dann über das antike Alatri das von einer gigantischen Zyklopenmauer umringt ist ins nächtliche Fiuggi. Wir hatten Costantino versprochen ihm zu berichten wie das Meer an der Südspitze Italiens duftet.
Autor:Markus Golletz
