Abenteuer in Ligurien
Auf den Spuren der Rallye San Remo
Das Hinterland von San Remo ist das Gegenstück zu den wilden französischen Seealpen. Hier lässt sich auf schmalen griffigen Straßen herrlich touren oder der ligurische Grenzkamm erkunden. Anfang Oktober ist jedoch Vorsicht geboten dann fand hier in den letzten Jahren die Rallye San Remo statt. Tausende von Zuschauern verweilen tagelang am Straßenrand.
Mit Wohnmobil Satellitenfernsehen und üppigem Holzvorrat wird mitten im engen Kurveninneren campiert die abgelegensten Sträßchen in den grünen Bergen Liguriens werden von tausenden Zuschauern bevölkert. Im Minutentakt nähern sich die grellbunten Rallyefahrzeuge mit scheppernden Fehlzündungen und riskieren publikumwirksame Powerslide ? das Publikum ist begeistert!
Pontente-Küste nahe Frankreich
Rechts und links preschen Roller vorbei. An der ligurischen Ponente-Küste nahe Frankreich ist hektischer Verkehr angesagt. Am heutigen Freitag ist in Ventimiglia großer Wochenmarkt. Viele Franzosen kommen über die Grenze um auf dem Markt das ein oder andere Schnäppchen zu machen. Italienisches Benzin ist mittlerweile zwar genauso teuer aber bei gastronomischen Spezialitäten auf dem Markt haben die Italiener immer noch die Nase vorn.
Von der ebenen Küste geht es nun ins gebirgige Hinterland. Kurz vor Camporosso hinter einer Amphitheater-Ruine zweigt eine unscheinbare Straße nach Dolceacqua ab. Unter der hoch aufgestelzten Autobahn hindurch beginnt allmählich eine Welt die sich von der Küste deutlich unterscheidet.
Dolceacqua mit seiner Teufelsbrücke und dem Doria-Castell ist das erste Postkartenmotiv. Hier gibt es erlesene Rossese-Weine direkt vom Erzeuger Der alte ligurische Ort schmiegt sich an einen Hügel auf der eine Burgruine steht. Eine Teufelsbrücke führt zum vorgelagerten verwinkelten Dorfplatz auf dem vom Biomarkt über das Silvesterfeuer auch manchmal eine Art Ligurisches Faustball-Spiel (das ?Gioco del Pallone?) stattfindet.
Ligurischer Faustball
In Dolceacqua wird Pallone auf der Piazza neben der Teufelsbrücke ausgetragen. Die Form des Spielfeldes scheint dabei egal zu sein die Ligurer wirken von dem verwinkelten Spielfeld eher beflügelt. Die ursprünglichen Spielregeln beschrieb der Abt Antonio Scaino im Jahre 1555 und legte damit drei klassische Formen des Ballspiels fest. In der italienischen Renaissance und später im 18. und 19. Jahrhundert wird Pallone oder Tamburello unter Adligen in Ligurien und Piemont fortentwickelt und so populär das es auf großen Plätzen gespielt wird. Hölzerne kellenförmige Schläger (die bracciale) werden dafür heute noch fest am Unterarm befestigt. In Ligurien spielt man eine Variante mit der bloßen bandagierten Faust und einem Gummiball. Dabei dürfen die Spieler der beiden Mannschaften den Ball auch wie beim Squash gegen die Palazzowand schlagen. Dies scheint der Grund dafür weswegen einige Gemeinden an der Riviera di Ponente Pollone-Spielverbote erlassen haben ? um den wilden Treiben auf öffentlichen Plätzen ein Ende zu setzen.
Das Spielziel? Ich habe es nicht verstanden kein Netz ungleich viele Spieler den Aufschlag macht ein Neutraler. Die Mannschaft in dessen Spielfeld der Ball geschlagen wird kann den Aufschlag sogar ablehnen. Gezählt wird in fifteens wie beim Tennis oft entstehen atemberaubende Jagden auf dem Spielfeld eine Augeweide für alle Zuschauer!
Das schönste Dorf Italiens
Weiter geht es über die Nervia Richtung Baiardo nach Apricale. Das Häusermeer von Apricale breitet sich wie eine Eidechse an den Berg geschmiegt vor seinen Besuchern aus. Am Ortseingang eine stillgelegte ölige Pestofabrik kleine Kirchlein und Kapellen. Durch ein teils unterirdisches Gassengewirr gelangt man zu seiner zentralen Piazza die einer Bühne gleicht. Mehrfach wurde "Apri" zum schönsten Dorf Italiens gekürt (borghi più belli d´Italia).
Auf den Strecken der Rallye San Remo
Eingebettet in diese idyllische Landschaft liegt die Strecke der Rallye San Remo. Zwischen 1997 und 2003 fand die Rallye San Remo üblicherweise im Oktober zwischen der Riviera und den hohen Bergen Liguriens statt. Weil die FIA aber ein Rennen vom Weltrang streichen wollte und die Strecken in den ligurischen Bergen für zu gefährlich erachtete verlegte man die Rallye 2004 nach Sardinien wo sie nun als reine Schotter-Rallye namens "Costa Smeralda" ausgetragen wird. Ähnlich wie bei der bekannten Oldtimer Rallye Mille Miglia findet nun meist im April die Rallye San Remo "storico" mit historischen Fahrzeugen als Gleichmäßigkeitsfahrt statt. Bei den spektakulären aber gefährlichen Straßen und dem enthusiastischen Interesse des italienischen Publikums sicherlich keine schlechte Idee.
Der Ligurische Grenzkamm
70 Kilometer Schotter in über 2000 Meter Höhe der Ligurische Grenzkamm ist für Enduristen & Biker ein unvergessliches Erlebnis. Dann schlängelt sich das schmale Asphaltband um zahlreiche mit Kastanienwald bedeckte Bergrücken hinauf zum Colla di Langan. Die Straße wird zur ersten Bewährungsprobe beschädigte Randsicherungen Steine auf der Fahrbahn und Jäger im Camouflage-Look kreuzen im September immer wieder den Weg. So setzte sich der Weg auf der schmalen Straße hinauf zum Colla Melosa fort. Unter herbstlich bunt gefärbtem Blätterwald stehen am Wegesrand öfter Pilzsucher und picknicken. Am Rifugio Allavena am Colla Melosa gibt es die letzte Möglichkeit noch einen Cappuccino zu trinken oder sich am Kamin zu wärmen dann endet der Asphalt und der atemberaubende Anstieg zum Rifugio Grai beginnt.
Ganz oben im Westen verläuft der Grenzkamm und mit ihm der einstige Schmugglerpfad der drei verschiedene Provinzen und zwei Länder quert: die Provinz Imperia (Ligurien) die Alpes Maritimes (Meeralpen in Frankreich) und das Piemont (Provincia di Cuneo). Im Osten liegt der bewaldete Monte Ceppo im Norden die mittelalterlichen Bergdörfer Triora Corte und Andagna an den Hängen des Argentinatals.
Dort unten fauchen die Rallyefahrzeuge gerade vorbei die Menschen stehen auf Aluleitern und Treppchen um etwas von ihren Favoriten zu sehen. Gestern am Monte Ceppo trafen wir auf auffallend viele Tschechen die "ihrem" Scoda-Team vom Straßenrand begeistert zujubelten.
Für uns wird es nun Zeit den Grenzkamm in den Angriff zu nehmen denn es liegen noch einige Offroad-Kilometer über Kammpässe den Monte Saccarello Lärchenwälder und Steingärten vor uns bis wir unter dem Fort Central zum alten Tendetunnel in 1280 Meter Höhe gelangen. Die schmale Tunnelröhre wurde schon vor genau 123 Jahren in Betrieb genommen ? auch die fünf Höhenforts hier am Grenzkamm entstanden in der Zeit zwischen 1880 und 1940. Langsam wird es dämmerig und wir erschöpft und zufrieden haben noch eine Menge Kilometer zurück zum Meer vor uns. Zunächst hinunter über die 48 staubigen Serpentinen der legendären Tenda-Südrampe dann durch das Royatal ins ligurische Apricale wo ein prasselndes Kaminfeuer auf uns wartet.
Autor:Markus Golletz
