Revier des Doubs

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Revier des Doubs

Revier des Doubs

Balkon in die Alpen

Unterwegs im Grenzgebiet zwischen Frankreich und der Schweiz. Die Schweizer Jura ist auch für Motorradfahrer ein interessantes Urlaubsziel. Ein Reisebericht auf zwei Rädern.

Spritzender Rollsplitt und Motorengeheule: Ein Quad im Rennen mit einem tiefer gelegten Kleinwagen. Zwei Mopeds preschen aus dem Tunnel am Steilhang des französisch-schweizerischen Grenzflüsschen Doubs. Wir drücken uns mit der Aprilia
an die Felswand während eine Melange aus verbranntem Zweitaktöl und dem Geruch heißer Bremsen den Duft des Waldes überzieht. Der Mini-Grenzübergang la Goule im Schweizer Jura ist voller Aktivität.

Unten an der Brücke neben einem idyllischen Staubassin des Doubs gibt es Hinweise zu dem "kleinen Grenzverkehr". Die Passage über den Fluss ist genau genommen verboten doch das Zollhäuschen ist seit langem verlassen. Und bei dem vermeintlichen Schmuggelgut handelt es sich ohnehin nur um einen Tank voll billigeres Benzin aus der Schweiz.
Im schrägen Dreieck zwischen dem verträumten Saint Ursanne dem pittoresken Grenzstädtchen Goumois und dem eher nüchternen la Chaux de Fonds verläuft der schönste Abschnitt des Doubs. In einer markanten Schleife vollzieht er eine fast 360 Grad umfassende Wendung in der Fließrichtung. Die Straßen kreuzen nur ab und an das tief eingeschnittene Flusstal und müssen dabei ordentliches Gefälle überwinden.

Auch die Häuser der Douanes Françaises am nördlicheren Übergang la Motte sind vom Zoll verlassen und stehen sogar zur Vermietung. Dem Fluss folgend führt die D 437 c nach Saint Hippolyte wo zusätzlich die kleinere Dessoubre ins Spiel kommt. An ihren bewaldeten Ufern auf der D 9 entlang gelangt man nach wenigen Kilometern zum malerischen Felszirkus vom Cirque de la Consolation und dem Aussichtspunkt Roche du Prêtre doch wir halten uns in Richtung Maîche und la Chaux de Fonds. Und genießen eine Traumroute über das Plateau du Jura das besonders in der Schlucht des Doubs einige markant-steile Passagen zu bieten hat.

Alte Viehmauern säumen die schmale Straße an der Côte de Grand Combe wo abends die weißen Charolais-Kälber über die schmalen Wirtschaftswege in die Ställe getrieben werden. Vorsicht ist geboten wenn dort die "Bovi-Stop"-Schilder auftauchen und eine Schranke oder zumindest eine metallisch unter den Rädern scheppernden Viehsperre ankündigen. Im flüchtigen Morgennebel fahren wir auf kleinsten Wegen zu den Echelles de la Mort übersetzt etwa "Leiter des Todes" um von dort eine tolle Aussicht über den Fluss zu genießen.

In der Schweiz können Motorradaspiranten sich das Fahren selbst oder mit Hilfe von Freunden beibringen mit dem "Lerner"-L am Heck gilt jedoch eine strikte Begrenzung auf nationales Terrain. So bleibt Frankreich verwehrt: Das Juragebirge zieht sich weit hinüber nach Frankreich in die Franche-Comté hinein. Ein Glücksfall in dieser Hinsicht ist das kleine Restaurant »la Rasse« in das die Fahrschüler »einreisen« dürfen. Es liegt auf der französischen Seite des Doubs ist aber nur von der Schweiz her per Brücke erreichbar.

Danach schwingen wir uns auf der Schweizer Seite auf winzigen Sträßchen durch Wald- und Alleelandschaften nach la Chaux de Fonds eine schachbrettartig hoch auf den Bergen angelegte Stadt des Jura. Wer etwas für Jugendstil Uhren oder den Architekten Le Corbusier übrig hat ist hier richtig. Zum Pass Vue des Alpes hin präsentiert sich die Straße leider wieder breiter doch wie von einem Balkon lassen sich von dort bei gutem Wetter die schneebedeckten Alpen erkennen. Wir zweigen vor Neuchâtel ab und rollen in die totale Abgeschiedenheit einer Ministraße unter dichtem Blätterdach: die Gorge de l?Areuse. Sie führt durch eine kleine grüne Schlucht die streng genommen nur von oben als "Einbahn-Velostraße" befahren werden darf. Also schalten wir die Zündungen aus und rollen die l?Areuse bis ins malerische Boudry hinunter. Unterwegs treffen wir einen alten Mann der mit Sichel und Krückstock Holz auf ein antiquiertes dreirädriges Lastenmofa lädt und ungerührt lärmend nach Hause brettert.
Ein per Enduro zu seinen Kühen bretternder Bauer bietet Hilfe beim platten Reifen an. Sein Hof liegt nur ein paar Meter entfernt-- und in der Werkstatt steht sogar noch ein verstaubter Suzuki RM-Crosser. "Damit fahren jetzt die Buben" sagt er. Mit Montiereisen Treckerflicken Gummilösung aus der Dose und einer finalen Dichtigkeitsprobe in der Milchküche ist die Sache im Nu erledigt.

Hoch über den Hängen des Neuchâteler Sees geht es in Richtung Val de Travers im Volksmund auch »Watch-Valley« genannt. Kein Beobachtungspunkt wie der Name nahe legen könnte sondern ein echtes Schweizer Uhrenreservat und eine zentrale sowie besonders schöne Region des Schweizer Juras mit prächtiger Aussicht hinunter zum See. Wanderwegweisern folgend holpern wir auf einer brüchigen Straße zum Aussichtspunkt la Soliat und zum Creux du Van parken an einer Hütte und laufen zum gewaltigen 150 Meter tief abstürzenden Steilabfall. Von oben ein Blick in die Tiefe riskieren den Neuchâteler See im Dunst erahnen ? höchste Genüsse des Jura!

Zunächst auf Schotter hangeln wir uns von dort zu einem Örtchen namens Provence und weiter über Mauborget zum nächsten Aussichtspunkt: le Chasseron auf luftigen 1607 Meter Höhe. Die Führerscheinaspiranten müssen nun zurückbleiben denn unsere Route überquert jetzt endgültig die französische Grenze. Das Haute-Jura liegt bereits in der Provinz Franche-Comté. Wir kreuzen noch ein wenig zwischen Pontarlier und Morteau am Doubs entlang aber ausgerechnet ihr schönster Abschnitt die Défilé bei Remonot ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Über Umwege gelangen wir zurück nach Pontarlier der kleinen Metropole der Region wo gerade ein Wochenmarkt für zusätzliche Betriebsamkeit sorgt und eine Hähnchenbraterei unsere hungrige Aufmerksamkeit völlig für sich einnimmt.
Wir wollen gerade den Rückweg antreten als wir sie sehen: Wie Little John und Robin Hood stehen sie da. Reglos und nicht bereit einen Meter zurückzuweichen. Zwei Autofahrer die sich Schnauze an Schnauze an der höchsten Stelle auf einer einspurigen Brücke über den Doubs gegenüberstehen. Etwas hilflos versucht ein Mofafahrer zu schlichten doch keiner der beiden Kontrahenten kurbelt auch nur die Scheibe herunter. Als wir uns vorbeiquetschen freut sich der eine diebisch weil er durch das Manöver gut zwei Meter gewinnt. Der andere ist ein älterer Mann ? vielleicht mit älteren Brückenrechten?
Seelenruhig warten acht Autos in sicherer Entfernung hinter den Kontrahenten. Man hat die Ruhe weg am Doubs. Oder Sturheit ist eine Tugend.

Autor:Markus Golletz