Schwimmende-Märkte
Geisterhäuschen und Garküchen
Ganz sanft streichelt das Ruder das dunkelgrüne Wasser und lässt das Boot fast geräuschlos durch den Wald gleiten. In der Ferne begrüßen Affenschreie den Morgen, die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die dichten Bananenblätter. Noch ist es ruhig rund um den schwimmenden Markt in Damnoen Saduak in Thailand.
Am späten Vormittag, wenn die Tagesbesucher aus Bangkok den Markt bevölkern, werden sich die Händler gegenseitig überbieten: Die riesige Auswahl an Sonnenhüten, Bambusflöten, Seidenkleidern und Hängematten lässt fast vergessen, dass die Thai-Frauen sich seit 1868 auf diesem Markt mit Durian, Kanun, Malakor und anderen exotischen Früchten und Gemüse ihren Lebensunterhalt verdienen.
Der beste Zeitpunkt für einen stillen Besuch ist also der frühe Morgen, bevor die zahlreichen Boote der Urlauber das grüne Wasser Wellen schlagen lassen. Im Morgendunst, wenn die Hähne krähen, verirren sich nur einzelne Touristen auf die Klongs, wie die thailändischen Kanäle heißen. Die Besucher sind meist am Vorabend mit einem der öffentlichen Busse von Bangkok nach Damnoen Saduak gekommen und haben in der einzigen Unterkunft des Ortes, dem Little Bird Hotel, übernachtet. Noch etwas verschlafen steigen sie morgens in die Motorboote, die bereits hinter dem Busterminal auf Gäste warten, um in wenigen Minuten den Markt zu erreichen.
Wer sich das Ticket für die Bootsfahrt sparen möchte, kann die knapp zwei Kilometer lange Straße entlang wandern. Weitaus ruhiger ist jedoch der Spaziergang entlang des Kanals: Der klapprige Steg verbindet die Holzhütten, hier und da kann der Besucher einen Blick in die spärlich eingerichteten Räume erhaschen, bevor sich der Perlenvorhang vor dem Eingang wieder schließt.
Am Markt angekommen, warten schon die ersten Ruderboote auf Besucher. Bevor das Markttreiben beginnt, geht es auf einen Abstecher in den tropischen Wald hinein. Auf den weit verzweigten Kanälen ist es still. Zwischen zwei Kokospalmen blitzt das Dach eines Geisterhäuschens hervor. Vor dem Miniaturtempel liegen schon die morgendlichen Gaben: Eine geöffnete Kokosnuss, eine Limo-Flasche mit Strohhalm, drei Eier,? dem Hausgeist darf es schließlich nicht schlechter gehen als dem Hausherrn, über dessen Heim und Familie der Geist seine schützende Hand halten soll. Ein paar Ruderschläge später erreicht das Boot ein weiteres Zeichen der Gegenwart von Naturgeistern: Hunderte von Jasmin- und Orchideen-Girlanden sind an einem Baumstamm aufgereiht täglich hängen die Thais weitere hinzu, um die Geister rund um den Markt zu besänftigen.
Auf dem Rückweg zum schwimmenden Markt muss das Besucherboot immer öfter anderen Barken ausweichen. Die Händlerinnen suchen sich rudernd die besten Plätze, um ihre Waren an den Mann und die Frau zu bringen: Bis zum Rand mit Kokosnüssen gefüllt gleitet ein Boot vorbei stoppt für einen kurzen Plausch bei der Kollegin mit den noch grünen Bananenstauden den stacheligen Jackbaumfrüchten und den Lamyai-Büscheln die die nackten Geschwister von Litschis sein könnten. Die runzelige Thai-Dame die wie fast alle Marktfrauen eine dunkelblaue Jacke und einen hohen, hellen Strohhut trägt, um sich gegen die Sonne zu schützen, hat sich auf Gemüse spezialisiert: Kohlköpfe, Kürbisse, Frühlingszwiebeln, Gurken, Paprika und erbsengroße Thai-Auberginen liegen wohlgeordnet vor ihr im Boot und warten auf Abnehmer.
Eine Dampfwolke bahnt sich ihren Weg um die Ecke: Die schwimmenden Garküchen haben schon am frühen Morgen Hochkonjunktur. Teigbällchen werden frittiert, Chillis gehackt, Fische ausgenommen, Nudeln gekocht. Bald schon strömt der Geruch von scharfer Thai-Suppe und heißen Bananen mit Kokosmilch über den Markt.
Langsam wird es Zeit, den Markt hinter sich zu lassen. Die ersten Reisebusse aus Bangkok haben ihr Ziel erreicht und die prall gefüllten Souvenir-Boote paddeln um die Wette, um als erste den Touristen ihre Waren anzupreisen. Bald werden die Kanäle gefüllt sein mit filmenden und fotografierenden Urlaubern ? Obst und Früchte kauft den Marktfrauen fast niemand ab. Dennoch bleibt Damnoen Saduak vorerst eines der wichtigsten Handelszentren für alle Bauern, die abseits der Straßen an den Ufern der Klongs wohnen.
Autor: Sabine Olschner
