Regenwaldnationalpark

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Wie ein ausgelaufener Tintenfleck

Der Strahl der Taschenlampe durchschneidet die Schwärze der Nacht. Er streicht über die Baumwipfel und an den Felsen entlang. Da, ein paar blitzende Augen! Nein, sie sind schon wieder fort. Die Tiere haben sich heute wohl entschieden, den Besuchern im Boot fernzubleiben. An dieser Stelle habe ich schon oft Gibbonaffen, Flughörnchen und Wildschweine gesehen, berichtet Wanderführer Lek, der an diesem Wochenende fünf Touristen durch den Nationalpark Khao Sok begleitet. Die Nachtsafari über den Rajjaprabha-Stausee ist nur eine der Attraktionen des zweitägigen Ausflugs in Thailand.

Begonnen hat das Abenteuer Wildnis bereits im Ort Khao Sok. Stickig-feuchte Dschungelluft empfängt den Besucher nach einer zweistündigen Busfahrt von Suratthani, der Hafenstadt im Osten Thailands. Wie anders ist das Klima im Vergleich zur frischen Seeluft auf den Inseln Samui oder Phuket. Der Nationalpark befindet sich genau zwischen der Ost- und Westküste im Süden Thailands und ist damit ein günstig gelegener Zwischenstopp und eine spannende Abwechslung zu Sonne, Strand und blauem Meer.

In Khao Sok hat der Besucher zunächst die Qual der Wahl: Bezieht er einen der Holzbungalows, die auf Pfählen hoch über der Erde schweben oder doch lieber eines der Baumhäuser am Fluss? Für welche Unterkunft er sich auch entscheidet: Ruhe und Abgeschiedenheit sind ihm sicher. Die Hütten liegen weit auseinander und außer ein paar kleinen Restaurants und nicht mal einer Handvoll Läden gibt es im Ort selbst nicht viel zu entdecken. Die Natur beherrscht das Leben in Khao Sok. Nachts hört man nur das Schreien der Affen aus dem nahen Urwald, tagsüber ist höchstens das Kreischen von ein paar Schwimmern aus dem natürlichen Becken im Fluss Sok zu vernehmen.

Am nächsten Morgen geht es zum Rajjaprabha-Damm. Wie ein ausgelaufener Tintenfleck liegt der Stausee tiefblau vor den gezackten Bergen am Horizont. Genau in Richtung dieser Bergkette steuert das knatternde Longtailboot, das seinen Namen von der langen Steuerstange hat, die es wie einen Schwanz im Wasser hinter sich herzieht. Vorbei geht es an bizarren Felsen, deren weicher Stein löcherig geworden ist wie Schweizer Käse. In den Felsspalten klammern sich Bäume und Sträucher an den Stein und ragen von dort aus tapfer gen Himmel. Manche Felsformationen haben die Form von Pilzen und scheinen fast umzukippen, ist doch ihr Fuß durch die ständige Ebbe und Flut des riesigen Stausees viel kleiner als ihr Kopf.

Nach zwei Stunden Fahrt taucht plötzlich eine winzige Bungalowsiedlung auf: Ein Dutzend schwimmende Bambushütten , jede bietet gerade Platz für ein Doppelbett , ducken sich vor einem riesigen Felsen in ihrem Rücken; das Nachtquartier ist erreicht. Vor dem Abendessen bleibt noch genügend Zeit, die Gegend mit dem Kanu zu erkunden. In völliger Stille gleiten die Boote über den spiegelglatten See, umrunden kleine Inseln, erforschen winzige Buchten, immer auf der Suche nach den Tieren des Regenwaldes. Eine Makakenfamilie springt durch die Bäume, ab und an gleitet eine Wasserschlange vorbei, ansonsten ist von den bisher hier erforschten 48 Säugetier- und 184 Vogelarten nicht viel zu sehen , genauso wenig wie bei der späteren Nachtsafari. Zu weitläufig ist der größte Nationalpark Südostasiens mit seiner Fläche von 4400 Quadratkilometern, zu viele Rückzugsmöglichkeiten gibt es für die Tiere, als dass sie ausgerechnet dorthin kommen, wo der Mensch Zugang zu ihrem Revier hat.

Trotz einiger Motorenprobleme schafft es das Longtailboot am nächsten Morgen mit zahlreichen Aussetzern bis zum Ausgangspunkt der geplanten Wanderung. Anfangs einem Bachlauf folgend, werden Lek und seine Wandergruppe schnell vom Urwald verschluckt. Lianen umschlingen die mächtigen Bäume, Pilze groß wie Suppenteller bahnen sich ihren Weg durch das dichte Moos, Schmetterlinge in allen Regenbogenfarben flattern über den Weg, der vor überquellender Natur manchmal kaum zu erkennen ist. Schließlich steht der spannendste Teil der Wanderung bevor: Mit Taschenlampen bewaffnet geht es in eine tiefe Höhle hinein. Heerscharen von Spinnen fliehen vor dem flackernden Licht, Fledermäuse dösen kopfüber hängend an der Decke und warten auf den Einbruch der Nacht.

Vor einem unterirdischen See wird die Wanderung kurz unterbrochen. Lek schultert alle fünf Rucksäcke der Wanderer seiner kleinen Gruppe und hangelt sich, nur mit Flipflops an den Füßen, zwischen engen Felsen über den See. Die Besucher legen den Weg schwimmend und in fast völliger Dunkelheit zurück. Am Höhlenausgang angekommen warten bereits ein paar Thais mit Schwimmwesten, die mit ihrem Wanderführer ebenfalls die Höhe und den See durchqueren wollen. Auch wenn sie nie in ihrem Leben schwimmen gelernt haben, das Erlebnis wollen sie sich trotzdem nicht entgehen lassen.

Leks Wanderer befinden sich mittlerweile auf dem Weg zurück zum Dorf Khao Sok. Vielleicht bleibt ja am Abend noch Zeit für einen Abstecher zum Besucherzentrum des Nationalparks, im Norden des Dorfes. Und vielleicht finden sie dort, nahe des Eingangs, ein Exemplar der Rafflesia, der größten und seltensten Blüte der Welt. Erst vor kurzem wurde die fußballgroße, rote Blume dort entdeckt, die nur wenige Tage ihre volle Pracht entfaltet. Doch mit der Rafflesia ist es wie mit den Tieren des Urwalds: Es gehört schon eine große Portion Glück dazu, sie überhaupt zu Gesicht zu bekommen.

 

Autor: Sabine Olschner