Kwai-Brücke

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Kwai-Brücke

Kwai-Brücke

Auf der Brücke von Kwai in Kanchanaburi

Wer den Film "Die Brücke am Kwai" gesehen hat, wird vom Original überrascht, vielleicht sogar etwas enttäuscht sein: Statt einer gewaltigen Bambusbrücke spannt sich in Kanchanaburi eine kleine, unscheinbare Eisenkonstruktion über den Fluss Kwai. Sogar der kleine Zug mit dem unheimlichen Namen "Todesbahn", der viermal täglich die Brücke überquert, ragt kaum über die Eisenpfeiler hinaus und lässt die Konstruktion ein wenig wie eine Spielzeugbrücke aussehen. Das thailändische Städtchen Kanchanaburi, rund 130 Kilometer nordwestlich von Bangkok, wird von Besuchern hauptsächlich wegen seines berühmten Bauwerkes angesteuert.

Hektik und Verkehrschaos in Bangkok lassen viele Besucher den Weg zum Thonburi-Bahnhof im Stadtteil Bangkok Noi antreten: Von dort aus ruckelt jeden Morgen und jeden Nachmittag eine kleine Bahn mit Holzbänken gen Westen. Liegt der Stadtrand von Bangkok erst einmal hinter den Zugreisenden, ändert sich bald die Landschaft: Nicht weit von der Millionenmetropole entfernt beginnt ländliches Gebiet mit Bananenbäumen und Reisfeldern, Palmenhainen und Lotosblumenseen. Drei Stunden später erreicht der Zug schließlich die Provinzhauptstadt Kanchanaburi.

Nur rund dreihundert Schritte vom Bahnhof wird der Besucher bereits von der Geschichte der Stadt empfangen: Auf dem größten Soldatenfriedhof der Stadt liegen 6982 Männer begraben, die zusammen mit weiteren Zehntausenden Mitgefangenen im Zweiten Weltkrieg Opfer des Zugstreckenbaus geworden sind. Insgesamt mehr als Hunderttausend Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden von 1942 bis 1943 von den Japanern gezwungen, eine gut 400 Kilometer lange Eisenbahnverbindung zwischen Thailand und Burma zu bauen, damit der Nachschub an Waffen nicht abriss.

Welche Qualen die Gefangenen in dem malariaverseuchten Dschungel durchmachen mussten, versuchen verschiedene Museen in und um Kanchanaburi zu zeigen: Die zwei, die das Grauen am eindrucksvollsten vermitteln, sind das kleine JEATH-Museum (die Buchstaben stehen für Japan, England, Australien, Thailand und Holland, von wo die meisten der Gefangenen stammten) und das Hellfire Pass Memorial Museum, 80 Kilometer außerhalb der Stadt , Hellfire deshalb, weil die Öllampen, die den Bauabschnitt der Bahnstrecke bei Nacht erleuchteten, das Szenario wie ein Höllenfeuer aussehen ließen.

Von der Strecke der "Todesbahn", wie der Zug noch heute genannt wird, ist nicht mehr viel übrig: 1945 bombardierten Engländer und Amerikaner die Brücke und machten einen Großteil der Gleise unbrauchbar. Rund zwei Stunden hinter Kanchanaburi, in Nam Tok, endet heute die Zugstrecke. Höhepunkt dieser Fahrt ist das Wang-Po-Viadukt, eine Holzbrücke, über die die Bahn nur im Schritttempo kriecht , auf der einen Seite die steilen Felswände, so dass kaum eine Hand zwischen Zug und Stein passt, auf der anderen der Fluss Kwae Noi, der den Zug fast auf seiner ganzen Fahrt begleitet.

Einmal im Jahr steht die Brücke am Kwai noch heute in Brand , zweimal täglich, eine Woche lang: Ende November feiert Kanchanaburi mit Tausenden von Besuchern das "River Kwai Bridge Festival". Mit Silvesterraketen und Feuerwerk endet das mehrere Stunden dauernde Schauspiel, das den Bau und die Verteidigung der Brücke beeindruckend in Szene setzt. Direkt unter dem Feuerwerk bietet ein Jahrmarkt thailändische Köstlichkeiten, von scharfer Currysuppe über frittierte Teigbällchen bis hin zu getrocknetem Fisch. Dutzende von Verkaufsständen bieten Modeschmuck, Sonnenbrillen und viele andere Souvenirs für den kleinen Geldbeutel feil.

Doch auch außerhalb der Festivalzeiten, wenn Tausende von Besuchern in die kleine Stadt strömen, ist Kanchanaburi ein lebhafter Ort: Auf dem Markt kann sich der Besucher mit Hosen, T-Shirts und Hemden eindecken, für die er zu Hause das Vielfache bezahlen müsste. Wer Lust hat, mehr von Kanchanaburi und seiner Umgebung zu erkunden, dem stehen Boote und Fähren, Leihräder und Samlors, die thailändischen Fahrradrikschas, zur Verfügung.

Wenn es dunkel wird am Fluss Kwai, legen die Disko-Boote ab und treiben lautstark durch die Nacht. Vor allem die japanischen Touristen versuchen, sich auf dem Wasser in Karaoke-Wettbewerben gegenseitig zu überbieten. Glück hat derjenige, der ein Gästehaus weiter nördlich gewählt hat, weit genug entfernt von den Karaoke-Booten ? vielleicht noch mit einem kleinen Garten, wo man in aller Ruhe den Bestseller "Die Brücke am Kwai" von Pierre Boulle zur Hand nehmen kann. Denn wo lässt es sich besser über historische Ereignisse lesen als direkt am Ort des Geschehens?

 

Autor: Sabine Olschner